Sergej O. Prokofieff – Eine Begegnung mit seinem Lebenswerk  
 
Alieda Schwaiger - Dijkstra
 
Manche Ereignisse geben dem Leben eine neue Wendung und machen es reicher und erfüllter. Mit dem Werk von Sergej O. Prokofieff in Berührung zu kommen, war ein solches Ereignis. Es hat uns so sehr bewegt, dass wir mehr über ihn erfahren wollten. Wir spürten und erkannten, dass ein Mensch, der in seinem Leben so außergewöhnlich viel auf dem Gebiet der Wissenschaft des Geistes geleistet hat, ein besonderer Mensch gewesen sein muss.
 
Die großen Umrisse seines Lebens
Sergej O. Prokofieff wurde 1954 in Russland, genauer gesagt in Moskau, geboren. Ab 1985 lebte er in Deutschland und der Schweiz und verstarb 2014. Er wurde weltweit zu Vorträgen eingeladen und seine zahlreichen Bücher sind in mehreren Sprachen erschienen.
Ab 2001 war er Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum in Dornach. Dort leitete er die von Rudolf Steiner gegründete Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, auch Michaelschule genannt. Sein Leben und Werk – ganz Rudolf Steiner und der Geisteswissenschaft gewidmet – zeugen von einem unvorstellbar großen Engagement und geistigen Kraft.
Als bedeutender Schüler Rudolf Steiners hat er dessen Werk auf der Erde fortgesetzt und in die heutige Zeit hinein geleitet. Aber wie er selbst sagte, haben viele herausragende Schüler nach dem Tod Rudolf Steiners dasselbe getan. Jeder aus seinem eigenen Wesen und Fachgebiet heraus.
 
Der Grund, weshalb uns sein Werk so nahe geht
In seiner Arbeit fanden wir ein tiefes Verständnis für die Probleme unserer Zeit. Insbesondere jene Erkenntnisse und geistigen Hintergründe, die uns halfen den Konflikt zwischen Ost und West besser zu verstehen. Dadurch konnten wir nicht nur den Krieg Russlands in der Ukraine mit anderen Augen betrachten sondern auch  die Ost-West-Problematik in unserem persönlichen Leben. Wir sind beide in einem anderen Land geboren – Österreich und Niederlande – und mit einem sehr unterschiedlichen Verständnis von Freiheit aufgewachsen. Gemeinsam leben wir in Österreich – einem Land, das vorbestimmt ist einer Brücke zwischen dem Westen und dem Osten zu bauen. (siehe Aussage Rudolf Steiner 1)
 
Eine überraschende Begegnung
Anlass für diesen Artikel war unsere Reise zum Goetheanum in Dornach (Nov.2020). Unsere Begeisterung für das Werk von Sergej Prokofieff hat etwas erstaunliches in Gang gesetzt. Durch eine Verkettung von Umständen wurden wir von Astrid Prokofieff – der Witwe von Sergej Prokofieff – zum Kaffee eingeladen. Es war eine besondere Begegnung, und wir spürten; hinter diesem bedeutender Schriftsteller und Vortragsredner                                         stand/steht eine starke Frau.                                                                                                                                                                                                  Während unseres Besuchs erzählte uns Astrid ausführlich über Bücher, Übersetzungen und die Arbeit der niederländischen Sergej O. Prokofieff Stiftung.      Durch den Aufbau eines Archivs, das Knüpfen von Kontakten und der Organisation von Treffen auf der ganzen Welt setzt sie das Lebenswerk ihres Mannes fort.
 
Ein Haus voller herzlicher Verbundenheit
Während Astrid Kaffee kochte, durften wir uns in dem wunderschönen Wohn- und Empfangszimmer umsehen. Das Erste, was uns auffiel, war das klare Licht, das durch die hohen Fenster mit Blick auf den Garten, den Raum erhellte. Und auch die Ruhe die von den, bis zur Decke reichenden Bücherregalen, ausging. Bücher in allen Sprachen – darunter zahlreiche in Leder gebundene russische Bücher – blickten auf uns herab. Auf einem Schrank gegenüber sahen wir/stand eine Büste von Novalis, dem großen Dichter und Eingeweihten (1772-1801), dessen Werk, wie kein anderes, eine geistige Brücke zwischen Mittel- und Osteuropa formte. Eine Ecke des Raumes wurde ausgefüllt von einem schwarz glänzenden Flügelklavier, über dem ein Gemälde von Margarita Woloschin hing. Alles was wir sahen, strahlte eine herzliche Verbindung und Verbrüderung zwischen der östlichen und westlichen Kultur aus.
 
Wie gerne hätten wir Astrid Prokofieff noch weitere Fragen gestellt! Vor allem Fragen über das Leben ihres verstorbenen Mannes. Zum Beispiel, wie seine tiefe Verbindung zu Rudolf Steiner zustande kam. Sie empfahl uns, das auf Niederländisch erschienene Buch von Ton Jansen und Peter Selg:
„Op de bres voor de waarheid, het levenswerk van Sergej O. Prokofieff.”
(Für die Wahrheit einstehen, Das Lebenswerk von Sergej O. Prokofieff.)                                                                                            (Weitere Literatur finden Sie unten in den Fußnoten.)
 
Aus dem Leben von Sergej Prokofieff
Wenn ein höherer Eingeweihter auf der Erde inkarniert, ist diese Inkarnation durch besondere Ereignisse gekennzeichnet, die bereits in der frühen Kindheit stattfinden. Sergej Prokofieff selbst wollte das Persönliche so weit wie möglich aus seinem Werk heraushalten, aber wir fanden dennoch in dem oben genannten Buch eine autobiografische Skizze von ihm.
Nach langem Überlegen hatte er sich doch entschlossen, einige autobiografische Zeilen zu schreiben, weil er wie jeder Mensch, der auf sein Leben zurückblickt, darin Wendungen und Ereignisse erkennen konnte, die einen großen Einfluss hatten. Ein solcher Rückblick hilft uns, der geistigen Begleitung die darin zu finden ist, bewusst zu werden. Dabei sollten wir bedenken, dass Sergej als Kind in einem Russland aufwuchs, das unter der Gottlosigkeit des Bolschewismus litt und in dem es zu dieser Zeit keine offene Freiheit im Denken und Leben gab.
 
Eine kurze autobiografische Skizze
  Seit seiner frühesten Kindheit nimmt Christus einen wichtigen Platz in seinem Leben ein.
 
 – Auch wurde ihm in jungen Jahren bewusst, dass er nicht zum ersten Mal auf der Erde lebte.
 
   Im Alter von 9 Jahren (1963) erzählt ihm sein Großvater die Geschichte von Richard Wagners Parzifal. Diese Erzählung über den Heiligen Gral hinterließ bei ihm einen ersten tiefen und unvergesslichen Eindruck vom esoterischen Christentum.
 
 – Er ist 14 Jahre alt, als er bei einer befreundeten Familie auf der Krim Urlaub macht. Dort liest er sein erstes Buch von Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnis höherer Welten. 


  Fünf Jahre lang verbringt er in den Sommerferiën die meiste Zeit in der großen Bibliothek des Hauses auf der Krim. Dort studiert er viele Bücher von Rudolf Steiner auf Französisch, Englisch und Russisch. In diesem Haus sieht er im August 1968 zum ersten Mal ein Bild von Rudolf Steiner (siehe Foto). Sergej Prokofieff sagt dazu: Die Begegnung mit diesem Foto – diesem Bild meines geistigen Lehrers – ist mir immer als unvergessliches Erlebnis in Erinnerung geblieben.
 
  Mit 19 Jahren beschließt er, sein Leben ganz dem Werk Rudolf Steiners zu widmen.
 
 –  Nach einer langen Zeit der Einsamkeit kommt er nun zum ersten Mal mit Gleichgesinnten in Kontakt. Er reist oft Tausende von Kilometern durch Russland und in die Ukraine, um mit den neu gewonnenen Freunden möglichst viele Bücher und Vorträge Rudolf Steiners - die damals verboten waren - zu studieren.
 
 – Mit 21 Jahren (1975) beginnt nach einen bedeutenden Ereignis (siehe unten) seine Arbeit immer mehr Gestalt anzunehmen. Er setzt sich voll dafür ein, das Werk Rudolf Steiners im Untergrund zu verbreiten.
 
  Mit 27 Jahren (1981) kommt er zum ersten Mal in den Westen, um in Dornach, Stuttgart und London eine Reihe von Vorträgen zu halten. Dort lernt er seine Frau Astrid kennen, die er noch während dieser Reise heiratet.
 
  1985 erhalten sie die Erlaubnis, Russland zu verlassen und in der Schweiz zu leben. Er ist damals 31 Jahre alt.
 
  Von diesem Zeitpunkt an werden seine Bücher und Vorträge einem immer größeren Publikum bekannt.
 
Ein Einschneidendes Ereignis im Jahr 1975
1975 – Sergej ist damals 21 Jahre alt – besucht er seinen Freund Iwonin in
St. Petersburg. Dieser hat sich besondere Vorträge beschafft, die Rudolf Steiner 1924 in Arnheim (NL) gehalten hat. Darin spricht Rudolf Steiner über eine kosmische Schule unter der Leitung des Erzengels Michael, die zwischen 1400 und 1800 in der geistigen Welt existierte. Eine Schule, in der Menschen ausgebildet wurden, um auf der Erde einen neuen Entwicklungsweg vorzubereiten.
Diese Vorträge beeindruckten Sergej Prokofieff so sehr, dass er nach eigenen Angaben eine ganze Nacht lang wach blieb. Ton Jansen schreibt dazu:
 "Zweifellos hat dies in Sergej Prokofieff Erinnerungen an seine eigene vorgeburtliche Existenz geweckt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er einer der großen Lehrer an dieser kosmischen Michaelschule war.“
 
Eine Michaelschule auf Erden
Vor 100 Jahren, während der Weihnachtskonferenz 1923, gründete Rudolf Steiner die Anthroposophische Gesellschaft. Mit der Grundsteinlegung – die Rudolf Steiner auch als Liebesstein bezeichnete – wurde in dieser Menschengemeinschaft der Keim für die Entwicklung einer geistigen Bruderschaft gelegt. Mit dieser Tat brachte er auch die kosmische Michaelschule auf die Erde. Damit wurde die Wissenschaft des Geistes für alle zugänglich.
Im Jahr 2001 wurde Sergej Prokofieff einer der Vorstandsmitglieder dieser irdischen Michaelschule. Er hat dieser Aufgabe – 12 Jahre lang – bis 2013 mit Leib und Seele gedient.
 
Christussucher und Michaeldiener
Ton Jansen und Peter Selg haben Sergej Prokofieff in ihrem oben genannten Buch als Christussucher und Michaeldiener charakterisiert. 2
Christus und Michael waren die großen Triebkräfte in seinem Leben. Mit der Kraft Christi suchte er immer wieder den Weg der Mitte – der Liebe und Verbrüderung – und gleichzeitig trat er mit der Kraft Michaels für die Wahrheit ein. Mit diesen beiden Kräften verband er in seinem Lebenswerk den Osten und den Westen. Denn aus dem Osten kommt ursprünglich der Weg Christi – der Weg der Liebe. Aus dem Westen, dem Weg Michaels, die Entwicklung des „Gewissens“.
 
Viele, die Sergej Prokofieff sehr verbunden sind, fragten sich, warum dieser große Eingeweihte bereits 2014 so jung sterben musste. Die tiefere Ursache und Bedeutung davon wird uns – indem wir uns auf den Weg der neuen Mysterien begeben – im Laufe der Zeit enthüllt werden.
 
Wenn die Zeit reif ist
Im August 2009 besuchten wir zum ersten Mal das Goetheanum. Gemeinsam schlenderten wir durch die oberen Gänge des Gebäudes. An einer der Türen blieben wir stehen und lasen den Namen Prokofieff. Wir hatten damals noch keine Ahnung, wer er war, aber ich erinnere mich, dass Roland sagte: am liebsten würde ich hier anklopfen und hineingehen. Wir waren selbst überrascht über dieses Gefühl. Wir haben nicht geklopft, wir trauten uns nicht, denn was hätten wir sagen sollen, wenn jemand geöffnet hätte?
Erst sieben Jahre später war die Zeit reif, und das erste Buch von Sergej Prokofieff das unser tiefes Interesse weckte, war: Die okkulte Bedeutung des Verzeihen. Als wir es aufschlugen, fiel eine handgeschriebene Widmung von Sergej Prokofieff heraus, was uns zutiefst berührte. Später entdeckten wir, dass trotz der vielen verschiedenen Themen in seinen Büchern, alle denselben tiefen geistigen Grundton haben. Einen Klang geistiger Brüderlichkeit, die wir nur fühlen und verstehen können, wenn wir seine Bücher nicht nur mit dem Kopf studieren, sondern, so wie Michael es von uns verlangt, mit offenem Herzen. Dann können wir diesen Keim geistiger Bruderschafft zur Entfaltung bringen.
 
Menschen, die Sergej Prokofieff persönlich kennengelernt haben, sprachen von seiner Liebenswürdigkeit und großen Bescheidenheit. Auch über seinen Humor, und seinem aufrechten Interesse im Gespräch. Leider haben wir Sergej Prokofjeff nie persönlich kennengelernt, aber wir fühlen uns durch seine Arbeit innerlich geleitet und unterstützt. Sein Werk gibt Kraft und Richtung auf dem Weg in eine neue Zukunft. Eine Zukunft, in der sich Ost und West nicht mehr bekämpfen, sondern verbrüdern, damit in ihrer Mitte die Christuskraft aufblühen und zum Leben erwachen kann.
 
 
Fußnoten
 
1. Rudolf Steiner sagte über die Aufgabe Österreichs auf dem Ost-West-Kongress (Wien,1922):
„Der Österreicher ist nicht nur durch die geografische Lage seines Landes, sondern auch durch das, was tief in seinem Herzen verborgen liegt, vorbestimmt, beim Bau einer Brücke zwischen dem Westen und dem Osten zu helfen.“
 
2. Christus und Michael repräsentieren die verbindende Kraft zwischen Ost und West.
Eine frühere Veröffentlichung von Ton Jansen (NL) ist im Internet unter folgendem Titel zu finden: Sergej O. Prokofieff, Christuszoeker en Michaëldienaar
 
Weitere Literatur über Sergej Prokofieffs Leben:
–      Astrid Prokofieff und Hans Hasler (Hg.):
Ein Leben für die Anthroposophie – Erinnerungen an Sergej O. Prokofieff
–      Ute E. Fischer:
Mein weg zur Begegnung und die Zusammenarbeit mit Sergej Prokofieff
–      Sergej O. Prokofieff archiv:
 
https://www.sergej-o-prokofieff-archiv.org
 

 
 
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