März 2023
Geistige Erkenntnisse der Krise zwischen Ost und West
Russland – Ukraine
Alieda Schwaiger-Dijkstra und Roland Schwaiger
Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine konfrontierte uns mit Schmerz, Leid und Angst. Aber gleichzeitig wurden wir inspiriert durch den Mut und den Kampfgeist, mit dem das ukrainische Volk bereit ist, seine Eigenheit – die Entwicklung und Bestimmung seiner Volksseele – zu schützen.
Deshalb stellte sich in uns immer stärker die Frage: Was sind die geistigen Hintergründe dieses Krieges ? Und auch die Frage: Was sind die geistigen Hintergründe der zunehmenden Differenzen zwischen dem Osten/Russland und dem Westen/Europa/Amerika?
Betrachtung aus einer geisteswissenschaftlichen Perspektive
Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen stießen wir auf einige Bücher von Sergej O. Prokofieff (1954-2014) 1. Er wurde in Russland geboren und war ein bedeutender Schüler von Rudolf Steiner. Seine Bücher halfen uns, ein Land wie Russland – über das die meisten von uns nur sehr wenig wissen – besser zu verstehen. Sergej Prokofieff beschreibt in seinen Büchern die geistige Geschichte Russlands anhand historischer Ereignisse.
Durch seine tiefe Verbundenheit mit der russischen Volksseele und seinem umfangreichen Wissen über die geistigen Hintergründe der russische Geschichte, lässt er uns dieses Land aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.
Einer Betrachtung, die über die sichtbaren/äußeren Ereignisse hinwegsieht, aber dennoch das Leid und den Schmerz, den sie verursachen, mitfühlt.
Verzeihen oder Vergelten, ein Scheideweg in der Geschichte
Russland ist ein Land mit vielen Geheimnissen. Tief in der Seele des russischen Volkes verbirgt sich eine hohe geistige Bestimmung, die für die zukünftige Menschheitsentwicklung von großer Bedeutung ist.
In der russischen Geschichte haben dunkle Mächte immer wieder Zwietracht und Leid verursacht, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Dies geschah vorwiegend durch Luzifer, der über die strengen Vorschriften der russisch-orthodoxen Kirche, mit ihren strengen Geboten, die Menschen manipulierte.
Ein historisches Ereignis mit weitreichenden Folgen für das russische Volk wird in dem Buch: Die okkulte Bedeutung des Verzeihens, von Sergej O. Prokofieff folgendermaßen beschrieben:
Am 1. März 1881 wurde Zar Alexander II. in Sankt Petersburg von einer Gruppe revolutionärer Terroristen ermordet. Der Richter verurteilte sie zum Tod durch Erhängen. Der Sohn und Nachfolger des ermordeten Zaren, Alexander III., hatte laut Gesetz das Recht, diesen Menschen Gnade zu gewähren. Zwei der bedeutendsten Vertreter des geistigen Lebens jener Zeit – Wladimir Solovjeff und Lew Tolstoj – wandten sich gleichzeitig, ohne dass sie es voneinander wussten, mit einer dringenden Bitte an den neuen Zaren.
Sie beriefen sich auf das alleinige Recht des Zaren, der dadurch die Möglichkeit hatte die Verbrecher noch im letzten Augenblick zu begnadigen, um damit dem russischen Volk in diesen schwierigen Zeiten, jene hohe geistige Kraft zu schenken, die im Prinzip der christlichen Vergebung liegt. Eine Kraft, die alle Seelen die mit ihr in Berührung kommen, in Ihrem Bestreben stärkt, Gutes tun zu wollen.
Doch der Zarensohn konnte nicht vergeben. Er schaffte es einfach nicht, seine Bitterkeit über diese Geschehnisse zu überwinden. Sein Herz ließ sich nicht erweichen. Die Folgen dieser Ohnmacht hatten eine entscheidende Auswirkung. Es dauerte nicht lange, bis sich das Gift der Vergeltung in Form des Bolschewismus zu verbreiten begann.
In der heutigen russischen Regierung findet sich diese Lebenseinstellung/haltung – Vergeltung statt Vergebung – mit ihrer unterdrückenden Alleinherrschaft wieder.
Das Geheimnis der russischen Volksseele
Im Jahr 1912 hielt Rudolf Steiner in Helsinki, Finnland, eine Reihe von Vorträgen vor russischen Zuhörern. Dort machte er eine bemerkenswerte Aussage: 2
„Wenn man nach dem höchsten Gut des russischen Volkes sucht, findet man es nicht auf der Erde, sondern in der geistigen Welt “.
Mit diesem höchsten Gut ist das Geistselbst*, eine höhere Entwicklungsform der Seele/des Astralleibes gemeint.
Das russische Volk, ist vorbestimmt dieses Geistselbst als erstes Volk auf Erden zu verwirklichen.
Wenn die Seelenläuterung der russischen Bevölkerung beginnt, kann Erzengel Michael, das Volk bei der Erfüllung dieser zukünftigen Aufgabe – der Bildung einer heiligen Schale, in der das Geistselbst hinabsteigen kann – unterstützen.
Dieses Ereignis wird sich in der sechsten Kulturperiode vollziehen, die im Jahr 3573 beginnt und im Jahr 5733 endet. Während dieser Periode wird das russische Volk die Menschheit zu einer höheren geistigen Entwicklung führen.3
Aber jeder Schritt auf dem Weg der geistigen Entwicklung zieht dunkle Kräfte an, die dieses Bewusstwerden verhindern wollen. Deshalb sind in Russland ständig dunkle Kräfte am Werk, die versuchen Russland von dieser entscheidenden Aufgabe abzubringen. Vor allem Luzifer versucht mit allen Mitteln und Kräften, den vorbestimmten Weg des russischen Volkes zu verhindern.
Die Gegenkräfte Luzifer und Ahriman Diese beiden Kräfte stehen hinter der Krise, die jetzt zwischen Ost (Russland) und West (Ukraine) entbrannt ist.
Eine kurze Beschreibung ihrer Vorgehensweise:
- Luzifer strebt nach einer einseitigen geistigen Entwicklung, fernab von der irdischen Realität, welche schließlich zu Größenwahn, einem Glauben ohne Wissen, und einer gewissenlosen Seelenhaltung/Lebenseinstellung führt.
- Ahriman verführt den Menschen zu einem Materialismus ohne geistiges Bewusstsein. Das bedeutet, dass die Menschheit zunehmend mit einer überdigitalisierten (roboterähnlichen) und gefühlskalten Gesellschaft konfrontiert wird.
Der Impuls Luzifers, der das russische Volk einseitig auf die geistige Welt ausrichtet, sorgt für eine tiefe Abneigung der westlichen materialistischen Mentalität, die vor allem von Ahriman inspiriert ist.
Man kann daher diese Ost-West-Krise wie folgt beschreiben:
Der einseitig auf den Geist/das Geistige ausgerichtete Impuls Luzifers aus dem Osten, kämpft gegen die von Ahriman inspirierte materielle/geistlose Gesellschaft im Westen.
Ein Kampf gegen die Dunkelheit
Am Ende des oben genannten Vortrags, gibt Rudolf Steiner seinem russischen Publikum folgenden Leitsatz mit auf den Weg, aus dem hervorgeht, dass der Kampf gegen Luzifer und Ahriman notwendig ist, um daraus jene Kräfte zu entwickeln, die für die zukünftige Entwicklung der Erde erforderlich sind.
Aus dem Mut der Kämpfer
Aus dem Blut der Schlachten
Aus dem Leid Verlassener
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geistbewusst
Ihren Sinn ins Geisterreich
Wenn man diese Worte unter Berücksichtigung der aktuellen Situation auf sich einwirken lässt, spürt man, dass der gegenwärtige Krieg aus geistiger Perspektive zwei wichtige Aspekte beinhaltet:
- Das ukrainische Volk kämpft tapfer gegen die russische Übermacht, um seine Autonomie und die Eigenheit seiner Volksseele zu verteidigen.
- Das russische Volk kämpft gegen sich selbst, bis der Hochmut aufgrund des enormen Leidens brechen kann. Dann wird die notwendige Einsicht kommen, wodurch sich – in der russischen Volksseele – die für die Zukunft erforderliche Bewusstseinserweiterung zum Geistselbst entwickeln kann.
Eine alte Legende über die Heilige Stadt Kitesch
Kenntnisse über die Vorbestimmung des russischen Volkes finden sich nicht nur in alten Kunstwerken wieder, sondern sind auch in einer alten Legende aus dem 13. Jahrhundert erhalten geblieben.
Die Geschichte handelt von der heiligen Stadt Kitesch, die eine unvergleichliche Hochkonjunktur erlebte. Die geistige Qualität dieser Stadt war so rein, dass sie unsichtbar und damit für feindlichen Eroberer unauffindbar war.
In dieser Legende kommt ein uraltes Wissen zum Ausdruck, das in den osteuropäischen Völkern zu dieser Zeit noch sehr im Bewusstsein der Menschen lebte. Sie wussten noch von dieser heiligen Gralsstadt, die als geistiger Tempel in der geistigen Welt existiert und in der sechsten Kulturperiode auf die Erde herabsteigen wird.
Diese Legende weist auf die Zukunft hin, in der die russische Volksseele durch das Feuer der Läuterung gegangen ist und die dunklen Mächte ihren Einfluss nicht mehr ausüben können.
Ein Heldenepos über den Einweihungsweg der russischen Volksseele
Dieses Heldenepos entstand etwa um 1920 in einem kleinen Dorf im Norden Russlands und wurde von einer alten, hellsichtigen Byline-Sängerin besungen.
Darin singt sie über die Geheimnisse des Einweihungsweges der russischen Volksseele.
Das Lied handelt von den Prüfungen, die das russische Volk durchgemacht hat und noch durchmachen wird. Aus diesen dunklen Erfahrungen wird das russische Volk die geistige Kraft entwickeln, um in ferner Zukunft ihre Aufgabe und Bestimmung erfüllen zu können. Diese Aufgabe besteht darin, eine neue geistige Kultur – ein Reich der Nächstenliebe – zu gründen
Die drei Helden in dem Lied repräsentieren die drei Seelenaspekte des Menschen: das Fühlen, Denken und Wollen. 4
Zu Beginn des Liedes sind die Krieger so sehr damit beschäftigt, heldenhafte Kämpfer zu sein, dass sie, geblendet von ihren Ego-Kräften, nicht bemerken, dass sie gegen sich selbst kämpfen. Jedes Mal, wenn sie einen Feind besiegen, erheben sich zugleich zwei neue. Schließlich wird die Übermacht so groß, dass sie die Flucht ergreifen. Die Prüfungen, die sie danach bestehen, führen sie schließlich zu einer Begegnung mit Erzengel Michael. Anschließend begegnen sie Maria Sophia, der Mutter Gottes. Am Schluss dieses Epos haben sie sogar eine Begegnung mit Christus selbst.
Der Gesang ist sowohl in deutscher, als auch in russischer Sprache verfasst und bildet damit eine symbolische Brücke zwischen Ost und West.
In seinem Büchlein: Die Prophetische Byline, erläuterte Sergej Prokofieff dieses Heldenepos aus der Sicht der Geisteswissenschaft und gab ihm den Untertitel:
Wie die heiligen Berge aus ihren felsigen Höhlen die mächtigen russischen Helden entließen.
Mit diesem Büchlein zeigt Sergej Prokofieff, dass die Weisheit dieses Gesangs für alle Menschen bestimmt ist und weit über die Grenzen Russlands hinausreicht. Dabei stärkt es die Seelenkräfte jedes Menschen, der sich damit beschäftigt.
„Aus Leid und Schmerz wird die geistige Kraft für eine neue Entwicklung geboren“
Diese Worte sprach Rudolf Steiner 1915 während des Ersten Weltkriegs. Es sind vielsagende Worte.5
In den Medien sehen wir derzeit (2023) viele schreckliche und grausame Bilder über den Krieg in der Ukraine. Neben unserem Mitgefühl für die leidenden Menschen ist es wichtig zu erkennen, wie die destruktieven Kräfte Luzifers und Ahrimans aus der geistigen Welt ihren Einfluss in dieser Auseinandersetzung geltend machen.
Und doch bewirken sie etwas Wesentliches:
Durch all dieses grausame Leid entsteht im Inneren, in den Seelentiefen der betroffenen Menschen, eine geistige Kraft, die von entscheidender Bedeutung ist für die weitere Entwicklung der Menschheit.
Eine niederländische Journalistin mit russischen Wurzeln in Moskau Iris de Graaf die durch ihr Engagement und Vorgehensweise in ihren Reportagen die Gefühle der Menschen in Russland zum Ausdruck bringen möchte. Zwei Ausschnitte aus einer Reportage von ihr haben uns tief beeindruckt. Während der Anfangsphase des Krieges fragt sie einen Vater mit Kinderwagen: Was halten Sie von der Situation? Der Mann sieht sie eindringlich an und sagt: Ich schäme mich zutiefst für das, was hier geschieht.
Darauffolgend sehen wir Iris erneut in den Nachrichten, als sie eine junge Frau auf der Straße anspricht: Was halten Sie davon, dass die Regierung junge Männer zur Mobilisierung aufruft? Die Frau schaut ganz ruhig in die Kamera und spricht dann sehr bedachtsam: Die Menschen haben Angst, die Möglichkeit zu protestieren ist sehr gering. Im selben Moment wird sie von zwei Polizisten festgenommen und abgeführt. Als wir diese Ausschnitte sahen, hatten wir das starke Gefühl: hier sehen wir etwas, das wir niemals vergessen dürfen.
In Russland gibt es viele Menschen wie diesen Vater mit dem Kinderwagen und die mutige junge Frau. Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist.
Das Leid der jungen Männer, die in den Krieg geschickt werden, aber auch das Leid der zurückgebliebenen Frauen und Mütter in beiden Ländern ist immens groß. Sie alle müssen dieses große Unrecht als Seelenschmerz in ihren Herzen tragen, bis es zu einer inneren, unüberwindbaren Kraft für eine neue Entwicklung herangereift ist.
Fußnoten
1. Sergej O. Prokofieff: Die Geistigen Quellen Osteuropas und Die künftige Mysterien des Heiligen Gral – Die Geistigen Aufgaben Mittel- und Osteuropas
2. Rudolf Steiner GA 158 Das Russische Volkstum S. 216
* Über das Geistselbst: Mit Ausnahme einiger sehr hoher Eingeweihter ist eine vollständige Entwicklung des Geistselbst, noch nicht auf der Erde verwirklicht worden.
3. Derzeit leben wir in der fünften post-Atlantischen Kulturepoche 1413 – 3573 n. Chr. des fünften post- Atlantischen Zeitalters
4. In der Geisteswissenschaft auch als Empfindungsseele, Verstandes- und/oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele bezeichnet
5. Sergej O. Prokofieff: Die Prophetische Byline
6. Rudolf Steiner GA 159 13. Juni 1915 S. 277 – Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die Europäischen Volksgeister.
Weitere Informationen zu diesem und anderen Themen finden Sie unter Artikeln und Newslettern auf unserer Website: Esoterisches Christentum und die Naturwesen: www.levenmetnatuurwezens.net
Übersetzung aus dem Niederländischen:
Roland und Alieda Schwaiger und Susanne Wölger
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